Es gibt keine "Farbigen".

zu
Neger. Zur political correctness. Nabokov (4). von Alban Nikolai Herbst

Informationen für Journalisten zu diskriminierungsfreier Sprache

Dieses sprachliche Relikt aus der Kolonialzeit wurde in Deutschland in den fünfziger Jahren als Ersatzbegriff für das heute als eindeutig rassistisch erkannte „N-Wort“ geläufig, und wird aus Unwissenheit heute noch oft in Medien dafür benutzt, schwarze Menschen im Laufe der Berichterstattung mit einem Adjektiv zu belegen, das speziell das vermeintlich „andere“, „fremde“ beschreiben soll.
Das Selbstbenennungsrecht gebietet, dass abwertende oder diskriminierend konnotierte
Zuschreibungen als Bezeichnungen für Menschen nicht gestattet sind. Es liegt in der Sache
selbst, dass dies nicht erst von allen Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft erkannt werden
muss, um Gültigkeit zu haben.
Um dennoch Orientierungshilfe zu geben, weisen wir darauf hin, dass sowohl der
Dachverband "Initiative Schwarze Menschen in Deutschland", als auch zahlreiche weitere
Organisationen, Medienorgane und PublizistInnen sich in dem Punkt einig sind: es gibt
keine „Farbigen“.
Zum einen aufgrund der stark kolonialen Konnotationen, zum anderen auch weil "farbig“
impliziert, dass weiß die Norm sei, kann und muß seriöse Berichterstattung auf diese
Vokabel als Beschreibung verzichten. Darüber hinaus führt das Wort zu keiner schlüssigen
Beschreibung, ausser dass es sich nicht um eine weiße Person handelt, da diese von dieser
Zuschreibung ausgeschlossen sind.
In welchem Grad der Abstufung "schwarz" die Hautfarbe einer Person genau ist, ist weder für das Verständnis eines nachrichtenrelevanten Hergangs notwendig, noch besteht dieser
Abstufungs-Drang offensichtlich bezüglich aller anderen ethnischen Erscheinungsformen, für die es Euphemismen „rassischer Abstufung“ wie "Farbiger" auch gar nicht gibt, vgl.
Pakistanis, Inder, Asiaten, Weiße,... Letztere werden stets als Personen beschrieben und mit Adjektiven bedacht, die sich auf ihr spezifisches Aussehen (füllig, großgewachsen, blond...) beziehen und/oder den Charakter (lebhaft, bodenständig...) anstatt ihrer phänotypischen Merkmale.
Aus Gründen der Professionalität und Demokratie ist geboten, bei ersonenbeschreibungen
nach dem Gleichheitsprinzip zu verfahren.
informationen für Journalisten zu diskriminierungsfreier Sprache
3-4/2008 © der braune mob e.V. 2008
www.derbraunemob.info

Einstufungen und Kategorisierungen nach „rassischen Merkmalen“ (denn darum geht es
dabei letztlich; denn anders als „Schwarz“ und „weiß, die soziokulturelle Realitäten
bezeichnen, bezieht sich „farbig“ auf eine „biologische“ Einstufung) seitens der Medien sind nicht nur wahllos, sondern haben gefährliche Folgen; nicht zuletzt das Signal, ein
konstruierter Phänotyp sei ein Persönlichkeitsmerkmal - eine Verwechlsung, die weiße
Menschen hierzulande nicht treffen kann, die aber weitreichende Folgen für die Tradierung
von Alltagsrassismus in der Gesellschaft hat.Die deutsche Unwissenheit im sprachlich gleichberechtigten Umgang mit ethnischen Minderheiten wird dann besonders augenfällig, wenn „farbig“ als Bezeichnung für Schwarze AmerikanerInnen verwendet wird: Vor allem im Hinblick darauf, dass das englische Aequivalent, "coloured(s)", seit langer Zeit von AfroamerikanerInnen entschieden zurückgewiesen wird, diese Tatsache weithin bekannt ist, und die deutschen Beiträge darüber zumeist sogar den Anspruch haben, Deutschen ein Stück amerikanische Kultur oder Rassismusdebatte nahezubringen, ist es unabdingbar, sich bei diesem Thema zumindest genau so gut zu informieren wie bei allen anderen Themen, in denen Bezeichnungen eine Rolle spielen. In England, den USA und Frankreich ist es nicht denkbar, dass seriöse Berichterstattung das Äquivalent der Vokabel „farbig“ verwenden würde.
Wir möchten vorsorglich darauf hinweisen, dass die Intention, etwa besonders höflich zu sein (indem man „schwarz“ vermeidet oder als nicht zutreffend empfindet), nichts daran ändert, dass die Vokabel „farbig“ auf Menschen bezogen nicht nur politisch sondern auch inhaltlich und journalistisch unkorrekt ist.
Im Sinne der Einhaltung der Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft, zu der auch das
Respektieren der Selbstbenennung ethnischer Minderheiten seitens der Mehrheitsgesellschaft gehört, sollte also bei der Abnahme aller Manuskripte künftig darauf
geachtet werden, dass ausschließlich Begriffe verwendet werden, die diskriminierungsfrei
sind. Im Zweifelsfalle gibt es umfangreiche Literatur zu diesem Thema - sowie
Organisationen/Dachverbände, die um Auskunft gebeten werden können.
Abschließend möchten wir die Frage aufwerfen, weshalb es vielen KollegInnen und Kollegen im März 2008 noch vonnöten scheint, sogar Artikel mit Bildern des
Präsidentschaftskandidaten Barack Obama mit der „Beschreibung“ „farbiger
Präsidentschaftskandidat“ zu versehen. Ein Service für farbenblinde LeserInnen?
Keine Zeit, ein passendes Adjektiv zu suchen?
Medien, die dies für so neu und relevant halten, dass sie auf den ethnischen Zusatz nicht
verzichten mögen, schlagen wir vor, mit Hillary Clinton ebenso zu verfahren und stets dazu zu bemerken, dass sie eine weiße Frau ist, vor allem unter oder neben Bildmaterial, das die Person zeigt.
der braune mob e.V. – media-watch – schwarze deutsche in medien und öffentlichkeit

der braune mob e.V. – media-watch – schwarze deutsche in medien und öffentlichkeit
info@derbraunemob.de
Vorstand/Vi.s.d.P.: Noah Sow
Jean Alexander Ntivyihabwa
Patricia Eckermann
Bitte beachten Sie, dass dieser Infobrief von uns öffentlich geführt wird, und wir dieses Anschreiben wie auch Ihre eventuelle
Antwort zu Zwecken der Dokumentation und Aufklärung veröffentlichen.

Ergänzungen:

(1)
Lied von LaMont Humphreys:
When I'm born, I'm black.
When I grow up, I'm even more black
When I'm in the sun, I'm still black
When I'm cold, guess what, I'm black.
And when I die, I'm fucking black, too
but you -
When you are born, you're pink
When you grow up, you're white.
When you're sick, man, look at yourself, you're green
When you go in the sun, you turn red
When you are cold, you turn blue.
And when you die, you turn purple
And you got the nerve to call me coloured

(2)
Reichspräsident Friedrich Ebert auf der Weimarer Nationalversammlung 1923:
“Daß die Verwendung farbiger Truppen niederster Kultur als Aufseher über eine Bevölkerung von derhohen geistigen und wirtschaftlichen Bedeutung der Rheinländer eine herausfordernde Verletzung der Gesetze europäischer Zivilisation ist, sei auch hier erneut in die Welt hinaus gerufen“.

(3)
http://de.wikipedia.org/wiki/Afroamerikaner
Afroamerikaner (amerik.-engl. African American) ist eine Selbstbezeichnung vorwiegend von Bürgern der USA, die sich mit dieser Bezeichnung kritisch auf die Geschichte der Versklavung ihrer afrikanischen Vorfahren beziehen und sich damit von Bezeichnungen wie „Nigger“, „Neger“ oder „Farbige“, die ihrer Rassifizierung dienten, abgrenzen.

(4)
http://igkultur.at/igkultur/transfer/textpool/1182198670
Der Begriff "People of Color" bezeichnet Menschen, die zumindest teilweise außereuropäische Herkünfte haben oder aufgrund zugeschriebener Merkmale von Weißen als nicht-Weiß bzw. als nichteuropäisch angesehen werden. Da Weiß und Schwarz hier nicht im Sinne natürlicher Farben, sondern als gesellschaftliche Konstruktionen bzw. als politische Ordnungskategorien begriffen werden, signalisiert die Großschreibung diesen Bedeutungsunterschied. Entsprechend bezieht sich der Begriff "Schwarze Menschen" nicht auf den Phänotyp und wird als deutsches Synonym von People of Color
verwandt, da der Begriff "Farbiger" kolonial besetzt ist. Wie die englische Terminologie anzeigt, knüpfen diese Überlegungen an anglo-amerikanische Diskurse über Ethnizität (race) und Weiß-Sein (Whiteness) an.

http://www.derbraunemob.info/download/


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